Albrecht

Gralle

Hier ist eine Kurzgeschichte, nominiert für den Pegasus Literaturpreis:

 

 

 

Gekaufte Stille


Als Bruno Klarsen die Fähre betrat und sich auf dem sonnigen Deck neben der Reling niederließ, tauchten alte Erinnerungen auf: Hiddensee mit Leuchtturm, heftigem Wind und Schafen. Dreizehn war er damals gewesen, als er zum ersten Mal die Ostseeinsel betrat. Seitdem nie wieder.

Die Anlegestelle drehte sich, Wasserkreisel, ein paar Tropfen Gischt. Die Fähre tuckerte los, zur Insel. Er blinzelte gegen die Sonne, atmete tief ein.

 

Es gab Unterschiede, ob man mit dem Schiff über den Bodensee fuhr, der seine zweite Heimat geworden war, oder ob man hier die salzige Luft einatmete, die den Horizont mit dem Wasser verschmolz und dieses norddeutsche Licht hervorzauberte, das manchmal den Himmel durchsichtig schliff.

Nein, ganz so war es nicht. Auch bei Meersburg konnte der Horizont mit dem Wasser verschwimmen, wenn man nach Südosten blickte. Ein weiches Licht über dem See, der blaugrau die Wurzeln der Berge umspülte. Im Augenblick wusste er nicht einmal, was ihm besser gefiel.

 

 

Der Wind frischte auf, Wellen klatschten gegen die Fähre. Klarsen zog die Kapuze über den Kopf.

Still sollte es auf Hiddensee immer noch sein. Märchenhafte Ruhe, denn es fuhren keine Autos. Man musste sie auf dem Parkplatz bei der Fähre stehen lassen wie Hunde vor einer Fleischerei.

Eigentlich passte es ihm nicht, dass er diese besondere Stille nachher brutal durchbrechen musste. Aber - das Geld stimmte, und er könnte endlich seine Schulden loswerden.

 

Als Bruno zum ersten Mal von seinen Auftrag hörte, dachte er, das sei ein Witz. Aber sein Auftraggeber, den er nie zu Gesicht bekommen hatte, redete am Telefon hastig auf ihn ein. Da passte keine Ironie zwischen die Zeilen.

Legen Sie unauffällig einen Sprengsatz in das Gerhard-Hauptmann-Haus. Und fahren Sie auf schnellstem Weg zurück nach Rügen.“

Aber warum soll denn das Haus verwüstet werden? Das ist doch sinnlos!“

Kurze Pause und dann: „Ich will Gerhard Hauptmanns Andenken schädigen.

Er hat 1926 Thomas Mann so weit gedemütigt, dass er sich bei ihm entschuldigen musste. Und das alles nur, weil Thomas Mann eine Figur in seinem Roman DerZauberberg erschaffen hat, die an Hauptmann erinnert: den Holländer Peeperkorn. Das ist doch kindisch! Geradezu grotesk! Hauptmann hätte sich geehrt fühlen sollen! Darum der Anschlag...“

 

Klarsen konnte nicht herausfinden, wie sein Arbeitgeber hieß oder wie er aussah. Aber an dem scharfen „S“ vor Vokalen, dem breiten „ei“ bei dem Wort „weit“, erkannte er den Süddeutschen. Und die anheimelnde Sprachmelodie klang schwäbisch.

Was für ein Mensch war das, der deutsches Kulturgut in die Luft sprengen ließ? Ein durchgeknallter Literaturkritiker der Süddeutschen? Ein fanatischer Thomas-Mann-Fan?

Auf der anderen Seite: irgendwie beeindruckend. Der Mann hatte wenigstens Überzeugungen. Ein aufrechter Schwabe, der um seinen Lieblingsschrift-steller kämpfte. Und - das Geld stimmte!

 

Es war ja erstaunlich, wie klein man heutzutage Sprengsätze bauen konnte. Kaum größer als eine Zigarettenschachtel. Die schwäbische Telefonstimme hatte ihm erklärt, dass es einen roten Off-Schalter gab, falls irgendetwas schief laufen sollte.

 

Bruno schloss die Augen vor der Frühlingssonne und schob seine Kapuze wieder in den Nacken zurück. Langsam schälte sich der kleine Hafen aus dem Dunst. Die Fähre fuhr langsamer, der Motor stampfte. Ein Mann schwang sich an das Ufer und vertäute das Schiff.

Über Hiddensee lag eine luftige Ruhe. Es war nicht still. Man hörte ja Geräusche: das Bellen eines Hundes, laute Stimmen auf der Fähre, das Murmeln der Leute, die in der Sonne saßen und Kaffee tranken. Der leise Wellenschlag gegen die Kaimauer. Geräusche, die die Ruhe noch vertieften. Selbst das Klingeln eines Handys störte nicht.

Schafe grasten hinter dem Deich. Leises Ausrupfen der Grasbüschel.

Die Ostsee rauschte. Ein paar gebückt gehende Männer und zwei Kinder suchten etwas im Tang. Bernstein wahrscheinlich.

 

Hauptmanns Haus stand in einem Garten, der mit blauen Blüten übersät war. Lavendelduft. Ein gediegenes Wohnzimmer. Einladend, aber nicht zu gemütlich. Dunkle Ehrfurcht glänzte auf den Möbeln.

Die Insulaner hatten Gerhard Hauptmann den König von Hiddensee genannt. Er habe ein majestätisches Auftreten gehabt, las Bruno in einem der Schaukästen. Und weiter: Genau so eine Figur habe Thomas Mann für seinen Zauberberg gebraucht, einen Mann, der durch seine wuchtige Gegenwart Eindruck machte, auch wenn er nichts zu sagen hatte: eben Mynheer Peeperkorn. Bruno beugte sich über die Vitrine und las eine der anstößigen Passagen aus Thomas Manns Roman:

 

Er hatte nichts gesagt; aber sein Haupt erschien so unzweifelhaft bedeutend, sein Mienen- und Gestenspiel war dermaßen entschieden, eindringlich, ausdrucksvoll gewesen, daß alle und auch der lauschende Hans Castorp höchst Wichtiges vernommen zu haben meinten [...]

Mein Herr“, sagte er, „- durchaus. Nein, erlauben Sie mir, - durchaus! Ich mache heute abend Ihre Bekanntschaft [...] Sie gefallen mir, mein Herr; ich - bitte sehr! Erledigt. Sie sagen mir zu.“ *

 

Gut, dieses Gestammel kann beleidigend wirken, dachte Bruno. Und in der Hinsicht verstand Hauptmann offenbar keinen Spaß. Er konnte nicht wie Mynheer Peeperkorn die Sache vom Tisch fegen mit den majestätischen Worten: „Erledigt!“

Sollte er wirklich diese Sprengung…? Es wäre eine Tat mit Folgen. So ein Knall würde die Insel aus ihrer Ruhe aufschrecken. Man würde den Lärm vielleicht sogar bis nach Rügen hören!

Bruno holte unauffällig den Apparat aus der Tasche und stellte die Anzeige auf 18.00 Uhr ein. Kein Mensch würde sich um diese Zeit noch im Haus aufhalten.

Vorsichtig klebte er das Gerät unter die Vitrine mit dem Briefwechsel. Wie ein Tourist ging er danach noch in den ersten Stock, bestaunte Hauptmanns Schlafzimmer und verließ das Haus.

 

Eine halbe Stunde später saß Bruno am Hafen und wartete auf das Schiff nach Rügen.

So einfach ist das also mit dem Geld verdienen!

Er setzte sich in einen Strandkorb, bestellte heißen Sanddornsaft, ließ seine Gedanken treiben: Hiddensee – die stille Insel, deren behäbige Ruhe durch einen Knall zerstört wurde. Durch ihn. Aber wenigstens einmal eine echte Tat durchziehen. Eine Tat, die eindringlich im Gedächtnis haften blieb. Und nicht nervige Telefonate in einer Zentrale erledigen, in einer Werkshalle schuften oder sich als Saisonarbeiter in den Apfelplantagen müde pflücken. Er, Bruno Klarsen, würde das Andenken des großen Gerhard Hauptmann schädigen und Thomas Manns Ehre retten. Das war doch mal was!

Oder würde seine Sprengung womöglich genauso „eindringlich“ wirken wie das Gehabe von Peeperkorn, nämlich laut und ohne Inhalt?

Ach was! Was ich getan habe, habe ich getan!

 

Und wieder diese Ruhe mit ihren stillen Geräuschen! Einmalig! Der Klang des Löffels gegen das Teeglas, in dem der heiße Sanddornsaft glänzte, hörte sich an wie das ferne Läuten einer Glocke. Zerbrechliche Stille. Neben diesem zarten Klang kam ihm plötzlich sein Auftrag so widersinnig vor wie ein Verbrechen gegen den Geist der Insel. Er spürte sogar einen schalen Geschmack im Mund. Ärgerlich! Was für abstruse Gedanken einem kommen können …Verbrechen gegen den Geist der Insel. Blödsinn!

Gut, es würde einen heftigen Knall geben. Na und? Aber danach würde die Stille doch wieder zurückkommen, oder nicht?

Und wenn nun die Stille nicht mehr zurückkam? Wenn immer mehr Leute auf die Idee kämen, auf der stillsten Insel Deutschlands Sprengladungen zu zünden? Nachahmungstäter? Oder wenn der durchgeknallte Literat aus Schwaben Blut geleckt hatte und immer wieder eine Sprengung durchführen ließ? Und er, Bruno, hätte diesen Stein ins Rollen gebracht und hätte eine Stille vertrieben, die so kostbar war wie pures Gold?

Er blickte auf seine Uhr. In eine Viertelstunde schloss das Museum. Nervös nagte er an der Unterlippe, blickte über das Wasser. Dann kramte er in seiner Tasche, warf zwei Euros auf den Tisch und rannte los.

Keuchend kam er an. Über den Zaun zur Tür, die schon abgeschlossen war. Wild hämmerte er dagegen. Da hörte er Schritte.

Leises Klirren. Die Tür ging nur einen Spalt auf, wegen der Kette. Eine halbe junge Frau in Arbeitskleidung und einem Eimer in der Hand.

Das Museum hat geschlossen“, sagte sie und stellte den Eimer ab. „Tut mir leid.“

Ich weiß. Ich muss dringend hinein.“

Haben Sie etwas vergessen?“

Ja. Wenn Sie mich kurz reinlassen ...“

Sie nahm die Kette ab und öffnete die Tür. Er ging mit langen Schritten in das Zimmer zu den Vitrinen, tastete nach dem Gerät, riss es ab, schob den roten Schalter umund atmete erleichtert aus.

Haben Sie das Vermisste gefunden?“, fragte sie, als er sich von ihr verabschiedete.

Ja, zum Glück.“

Jetzt erst nahm er sie wahr. Wie das T-Shirt ihre linke Schulter freiließ. Was er sah, gefiel ihm. Vor allem diese dunklen Augen.

Ja“, nickte sie, „es ist ein Glück, wenn man etwas wiederfindet. Ich würde aber an Ihrer Stelle den Schalter noch einmal zurückschieben, denn jetzt haben Sie es wieder angestellt.“

Was?“

Das kleine Gerät unter der Vitrine. Ich hab es vorhin abgestellt.“

Er holte es aus der Tasche und sah, dass er es wieder aktiviert hatte. Mit zitternden Händen schob er den Schalter auf Off und wurde dabei rot.

Sie ... Sie haben es gewusst?“

Ach, wissen Sie“, sagte sie, „Putzfrauen müssen nicht zwangsläufig blöd sein.“

Er konnte es immer noch nicht fassen, dass er sich mit dieser Frau über seine missglückte Sprengung unterhielt. Ihm fiel nichts mehr ein, und er wollte gehen.

Wenn ich nicht so clever gewesen wäre“, sagte sie, „hätte es mich nachher vermutlich erwischt, aber Sie sind ja rechtzeitig zurückgekommen. Trotzdem könnte ich Sie auch anzeigen...“

Er zuckte mit den Schultern und meinte: „Bitteschön. Aber dazu müssten Sie mich festhalten.“

Kein Problem.“ Sie hakte die Kette wieder ein. „Ich könnte jetzt mit meinem Handy die Polizei rufen. Die Insel ist übersichtlich, und das letzte Schiff nach Rügen ist eben am Hafen abgefahren. Ohne Fähre können Sie die Insel nicht verlassen.“

Dann rufen Sie doch die Polizei! Ich werde das Gerät vorher ins Meer werfen und mich ahnungslos stellen. Aussage gegen Aussage.“

Sie lächelte und hakte die Kette wieder aus. „Was mich aber wirklich interessiert: Warum wollten sie diese Sprengung überhaupt durchführen?“

Er sah sie an und merkte, dass sie ihm zunehmend besser gefiel und dass ihre Frage echt klang. Erst stockend, dann immer flüssiger erzählte er von seinem Auftrag.

Tja, dann ist das schöne Geld wohl im Eimer.“

So ist es. Aber es wäre sowieso nichts daraus geworden weil Sie ja das Ding ausgestellt hatten.“

Stimmt. Und … Warum haben Sie es sich dann anders überlegt? Sie wussten ja nicht, dass ich hier bin und gerettet werden musste.“

Er blickte betreten zu Boden. „Es war ... na ja, diese eigenartige Ruhe, diese besondere Stille hier. Ich hatte plötzlich Skrupel, sie zu zerstören. Die ... die Explosion passte nicht zu der Insel. Das war mir vorher nicht klar gewesen.“

Sie sah ihn an und kniff die Augen zusammen.

Dann haben Sie die Stille praktisch zurückgekauft?“

Ja, ich ... bin selbst überrascht.“

Wahrscheinlich war das seine stärkste Tat gewesen, schoss es ihm durch den Kopf. Etwas nicht zu tun. Oder etwas rückgängig zu machen. Noch eindringlicher als die Explosion. Obwohl es kaum jemand wusste.

Sie hatte es schön ausgedrückt: die Stillezurückgekauft. Er zögerte kurz und fragte sie: „Wohnen Sie hier?“

Ja.“

Eigentlich hatte ich ja vor, nach Rügen zurückzufahren, aber jetzt... Wir könnten zusammen den Abend verbringen. Es gibt genügend Gesprächsstoff.“

Ach, Sie meinen, ich würde mit einem Attentäter zu Abend essen?“

Mit einem fast Attentäter.“

Sie schien über sein Angebot nachzudenken, dann setzte sie hinzu: „Mal sehen, ob ich es auswendig kann. Natürlich mit gewissen Veränderungen.“

Er blickte sie fragend an, weil er nicht wusste, was sie meinte.

Sie räusperte sich, schloss die Augen und sagte: „Mein Herr - durchaus. Nein, erlauben Sie mir, - durchaus! Ich mache heute Abend Ihre Bekanntschaft. Sie gefallen mir, mein Herr; ich – die Sprengung? Bitte sehr! Erledigt. Sie sagen mir zu.“

 

 

© Albrecht Gralle 2011

 

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*Zitat aus: Thomas Mann, Der Zauberberg, S. Fischer Verlag, Frankfurt 2004, Seite 756 und 768/69