Albrecht

Gralle

Kurztexte

Hier ist eine Kurzgeschichte, nominiert für den Pegasus Literaturpreis:

 

 

 

Gekaufte Stille


Als Bruno Klarsen die Fähre betrat und sich auf dem sonnigen Deck neben der Reling niederließ, tauchten alte Erinnerungen auf: Hiddensee mit Leuchtturm, heftigem Wind und Schafen. Dreizehn war er damals gewesen, als er zum ersten Mal die Ostseeinsel betrat. Seitdem nie wieder.

Die Anlegestelle drehte sich, Wasserkreisel, ein paar Tropfen Gischt. Die Fähre tuckerte los, zur Insel. Er blinzelte gegen die Sonne, atmete tief ein.

 

Es gab Unterschiede, ob man mit dem Schiff über den Bodensee fuhr, der seine zweite Heimat geworden war, oder ob man hier die salzige Luft einatmete, die den Horizont mit dem Wasser verschmolz und dieses norddeutsche Licht hervorzauberte, das manchmal den Himmel durchsichtig schliff.

Nein, ganz so war es nicht. Auch bei Meersburg konnte der Horizont mit dem Wasser verschwimmen, wenn man nach Südosten blickte. Ein weiches Licht über dem See, der blaugrau die Wurzeln der Berge umspülte. Im Augenblick wusste er nicht einmal, was ihm besser gefiel.

 

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Neulich wurde bei uns

am Nachmittag, so gegen drei,

eine alte Frau geschlagen,

von einem Kind.

Einfach so.

Ohne Grund.

Die beiden kannten sich nicht.

 

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Die Mauer ist hoch und nur zwei Handflächen breit. Ich stehe oben und weiß nicht, wie ich da hinaufgekommen bin. Vorsichtig balanciere ich und bewege mich nach vorne. Rechts und links geht es abgründig hinab. Zu tief, um irgendetwas zu erkennen. Die Menschen bewegen sich wie bunte Punkte unter mir.Warum habe ich keine Angst? Ich gehe weiter, summe eine Melodie und weiß plötzlich, dass ich nicht fallen werde, wenn ich fallen würde. Also stoße ich mich ab, falle tatsächlich nicht, sondern schwebe neben der Mauer her. Laufe ein Stück auf ihr entlang, verlasse sie wieder, gehe an ihr steil bergauf. Was als Gefahr aussah, ist ein Spiel geworden. So sehr ich mich auch anstrenge, ich falle einfach nicht. Ich bin zu leicht, wie mit Watte und Luft ausgestopft.

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